UNVOLLKOMMEN ERFOLGREICH: DIE WEISHEIT DES NARREN -

Interview mit dem Künstler und Clown Lex van Someren

Bis auf den heutigen Tag provoziert „Scheitern“ in Deutschland immer einen sehr dicken und zusätzlich Tausende kleine Zeigefinger, die alle den Odem der Schadenfreude und des Spotts verbreiten. Kein Wunder, dass wir der Thematik ausweichen, denn im Zeitalter der Machbarkeit drückt uns die Angst vor dem Misslingen.
Ganz anders der Clown: Er ist ein Meister in der Kunst des Scheiterns. Er ist das Stolpern gewohnt und die Krise sein täglich Brot. Er meidet sie nicht, weil sie die ideale Voraussetzung zur Transformation in etwas Neues ist. Der Clown ist eine kultur-historische Figur zwischen Chaos und Ordnung. Er relativiert, konterkariert und entschärft. Das Lachen über sich selbst ist dabei das Medium, aus dem er seine Energie bezieht.
Um souverän verlieren zu können, bedarf es des Humors. Vielleicht ist er eine Folge des Scheiterns, also etwas, was man beim Verlieren lernt, vielleicht sogar lernen muss.
Wir lieben den Clown nicht dafür, dass er scheitert, sondern weil er es immer wieder aufs Neue versucht. Dem Clown geht es um die Meisterschaft im Nichtvollenden und nicht zuletzt darum, die Grenzen der eigenen Fähigkeit zu akzeptieren, denn die Welt bleibt rätselhaft, und es gibt nichts endgültig Perfektes.
Als Archetyp im Inneren des Menschen angelegt, ist der Clown Widersacher und ebenso ein Anarchist, der mit seinem Scheitern gegen den Perfektionismus der Leistungsgesellschaft rebelliert und damit eine Gegenwelt zu unserer hochtechnisierten und erfolgsorientierten Welt begründet.


SORBAS:
Erfolgreich zu sein ist das Leitbild der Moderne. Der Clown dagegen erhebt die Erfolglosigkeit zur Lebenskunst. Lieben wir die Clowns vielleicht dafür, dass sie im Gegensatz zu uns auch verlieren dürfen?


Lex van Someren:
Was gibt es Befreienderes, als die Erlaubnis versagen zu dürfen. Der Clown nimmt sich die Freiheit, unvollkommen zu sein. Er spielt mit seiner Unvollkommenheit. Er sieht sie nicht als Hindernis, sondern als Geschenk der Freiheit mit der Möglichkeit, etwas daraus zu machen.


SORBAS:
Vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise werden berufliches und privates Scheitern zur Alltagsrealität von immer mehr Menschen. Wie schaffen wir es, uns davon nicht lähmen zu lassen, sondern unseren Weg unverdrossen weiterzugehen?


Lex van Someren:
Nicht das Scheitern macht uns fertig, sondern wie wir darüber denken. Durch die Clownerie erfahren die Menschen, wie sie ihr Leben mit mehr Gelassenheit bewältigen können, etwa indem sie mit den Widrigkeiten des Daseins spielen und eine gesunde Distanz zu ihren Verhaftungen und Vorurteilen herzustellen. Der Clown demonstriert, dass Trauer und Freude nichts Absolutes sind, sondern auch Traurigkeit eine Energie ist, die in Freude umgewandelt werden kann.


SORBAS:
Steckt im Scheitern demnach eine Weisheit?



Lex van Someren:
Der Clown lädt uns ein, ebendies herauszufinden. Er hilft uns, aus unserer beschränkten Sicht der Dinge herauszutreten und die Absurdität des Lebens zu erkennen. Im Scheitern steckt ein Weg des Loslassens, weil wir die Illusionen durchschauen können, denen wir nachhängen und ebenso die Belanglosigkeit unseres Tuns und Denkens im Vergleich zum ganzen Universum, dessen winziger Teil wir sind.

SORBAS:
Der Clown probiert aus und scheitert. Trotz alledem ist er souverän genug, aufzustehen und es erneut zu versuchen. Woher nimmt er die Kraft für das Neu-Beginnen?


Lex van Someren:
Der Clown lebt im Hier und Jetzt, nicht bei dem, das gerade geschehen ist, oder dem, was erst sein wird. Er fürchtet die Krise nicht, weil sich in ihr alles auflöst: die Selbstdarstellung, die Fassade. Damit bietet sie die Möglichkeit zur Transformation in etwas anderes. Dabei ist das Lachen über sich selber oder mit sich selbst sein Lebenselixier. Lachen ist ein emotionaler Prozess des Loslassens von Ego und Ballast, der uns ermöglicht, einfach zu sein und in einen Zustand der Wahrheit einzutreten.


SORBAS:
Der Clown ist ein Archetypus, der bisher noch in jeder menschlichen Kultur seinen Platz gefunden hat. Warum brauchen wir die Clowns?


Lex van Someren:
Der Clown hält den Menschen einen Spiegel vor. Durch ihn können wir Seiten von uns erkennen, die wir normalerweise nicht sehen oder nicht sehen wollen. Mit den Mitteln der Komik präsentiert er sie in einer Weise, dass wir sie akzeptieren können. Wenn wir über den Clown lachen, lachen wir letztendlich immer über uns selbst. Das befreit und ermöglicht einen neuen Blick auf unsere Schwächen.


SORBAS:
Wie können sich Menschen darin üben, das Schiefgehen als Probehandeln mit Erfahrungsgewinn aufzufassen und an Fehlschlägen nicht zu verzweifeln?


Lex van Someren:
Was ist Scheitern überhaupt? Was heißt Erfolg? Immer ergeben sie sich aus der Beziehung zu etwas anderem, das ebenfalls relativ ist. Die größere Wahrheit ist eine andere. Weder weiß noch schwarz geht sie darüber hinaus und ist von einer völlig anderen Dimension. Wenn wir die Dinge einmal so betrachten, erscheint uns unsere eigene illusorische Realität gleich in einem ganz anderen Licht, und wir können uns über die polare Welt der Emotionen erheben und auf einer tieferen Ebene inneren Frieden erfahren.


SORBAS:
In diesen Zeiten steigen die Anforderungen, persönliches Glück jenseits determinierter Erfolgsrezepte zu finden. Was erwartet die Menschen in Ihren Workshops?


Lex van Someren:
Um Herzen und Seelen zu öffnen, bediene ich mich eines aufbauenden Humors als Medium. In meiner Arbeit führe ich Menschen in die Welt des heilsamen Humors, der aus dem Herzen kommt. Hier können sie ihre kreative Kraft erfahren und mit ihrem inneren Kind in Berührung kommen. Der Humor aus dem Herzen kann unsere Sicht des Lebens so verändern, dass wir unsere positiven Möglichkeiten eher erkennen und zur Veränderung bereit sind.


SORBAS:
Welche Motivation liegt Ihrer Clowns-Arbeit zugrunde?

Lex van Someren:
Meine Clownerie ist weit entfernt von traditionellen Slapstick-Routinen. Sie erforscht die Essenz, also das Tao des Clownens. Ich möchte die Menschen zu einer Reise zum mystischen Clown in uns einladen. Mein Weg als Clown und Lehrer ist ein mystischer Weg - der Weg der Wahrheit und Erleuchtung. Mein Clownsein drückt diese tiefe innere Erforschung aus. Das ist mein Weg.