DIE WEISHEIT DES NARREN
Lex van Someren

-Interview 1996-

Lex van Someren’s Clownerie ist weit entfernt von traditionellen Slapstick-Routinen. Es erforscht die Essenz, das Tao des Clownens. Er lädt uns ein auf eine Reise zum mystischen Clown in uns.

Wie kamst Du zur Clownerie?


Als Junge schon hat mich alles begeistert, was mit Musik, Theater und Clownerie zusammenhing. Ich fühlte unbewusst, dass gute Clowns die Mystik unseres alltäglichen Lebens ausdrücken.

Ich wuchs in den Niederlanden auf, wo es einen fantastischen Theaterclown gab namens Toon Hermans. Er wurde mein Meister-Lehrer und seit meinem achten Lebensjahr studierte ich jedes Detail seiner Shows. Seine wunderbare Ausstrahlung und sein Charisma vermittelten mir das Bild von ihm als „Priester“ für unsere moderne Zeit, indem er den Menschen neue Inspiration und eine tiefere Dimension der Dankbarkeit für das Leben zeigte - auf einfache, humorvolle Art. Die leichtherzige und ernsthafte Weise, in der er das tat, stand in vollkommenem Kontrast zu den meisten kirchlichen Priestern und auch in Kontrast zu den meisten Bühnenkünstlern. Und so erkannte ich vermutlich schon in jungen Jahren die Richtung, die ich in diesem Leben nehmen sollte.

Sagst Du also, dass der Clown ein Helfer ist, wie ein Schamane, um den inneren Clown herauszubringen, so dass die Menschen in ihrem Leben verspielter werden?

Ja, das ist ein sehr wichtiger Aspekt, aber in den letzten Jahren gab es nicht allzu viele gute Clowns. Die Art und Weise, wie Clownerie in Zirkussen praktiziert wird, ist so stereotypisch und oberflächlich. Aber es gibt einige gute Clowns und Narren, die jetzt zurückkehren. Die Slapstick-Methoden - Leute mit Wasser bespritzen und das ganze - funktionieren nicht mehr, denn es entwickelt sich inzwischen ein neues Lebensbewusstsein. Ich stelle die Verbindung mit den Veränderungen her, die sich in der Welt anbahnen, und das reflektiert auch mein eigenes Wachstum.

Es klingt so, als ob Du aktiv die jahrhundertealte Idee des weisen Narren wiederbelebst?

Das ist genau das, was es ist, die Weisheit des unschuldigen Kindes. Das Kind ist der Archetyp für die Weisheit, die in der Einfachheit liegt.

Wenn Du Leute im clownen trainiert hast, worin lagen Deiner Meinung nach ihre Hauptbarrieren?

Sie werden konfrontiert mit ihrem begrenzten Selbstbewusstsein, aber dadurch kommen sie in die Workshops. Auch werden die Leute durch die Übungen herausgefordert, ganz im Hier und Jetzt zu sein, nicht bei dem, das gerade geschehen ist, oder was erst sein wird. Es gibt eine Menge an Disziplin dabei und die Teilnehmer sind überrascht, dass es intensive Arbeit ist, weil wir es nicht gewöhnt sind, ganz in der Gegenwart zu sein. Es liegt eine Welt der Disziplin darin, die Aufmerksamkeit auf ein einfaches kleines Ding zu richten.

Ist es das, was Du mit dem Tao des Clownens meinst?

Ja, das ist ein Teil davon. Und es gibt noch andere Elemente, die in der Clownerie hervorkommen, wie z. B. der Dualismus - das Ja und das Nein, schwarz und weiß, männlich und weiblich. Unsere Leben verlaufen zwischen diesen Extremen, und die Clownerie spiegelt sie wider. Durch Clownerie erfahren die Menschen, wie sie ihr Leben mit Gelassenheit bewältigen können, indem sie mit diesen Gegensätzen spielen. Du kannst lernen, mehr Distanz von den Dingen zu erzeugen, um dabei zu sehen, dass es immer eine andere Seite gibt. Der Clown schaltet um von einem zum anderen Extrem, in dem er damit spielt, indem er eine emotionelle Distanz aufbaut.

Die Botschaft des Tao des Clownens ist: Nimm Deine Maske ab und sei ein Clown… sei Du selbst!

Weisheit hat mit Spiel zu tun, das unschuldige Kind in uns, das tanzen will im Feld, ehrgeizig und voller Potential in der Blüte des Hier und Jetzt, voll des Erstaunens.

Clownen hat nichts damit zu tun, dass man versucht, witzig zu sein. Es ist ein Lernen, in unserer eigenen Identität gegründet zu sein; ernsthafter Humor und Freude wird von selbst erscheinen, indem wir die verschiedenen Facetten, Talente, Leidenschaften und Gefühle von uns selbst in eine wirklich kreative und spielerische Beziehung mit der Welt um uns herum bringen.

Ein Clown erzeugt eine Atmosphäre um sich herum, die uns einlädt, aus unserer beschränkten Sicht des Lebens herauszutreten und uns auf die Absurdität des Lebens aufmerksam macht. Es ist ein Weg des Loslassens, weil wir die Illusionen erkennen, die in unseren Leben andauern.

Deine Clownerie schließt also das Spiel mit der Welt der Dualität ein?

Ja. Indem wir die Weisen, in denen wir uns an bestimmte Werte im Leben klammern, übertreiben, oder indem er uns auf die andere Seite dieser Werte aufmerksam macht, kann der Clown uns vermitteln, wie lächerlich die meisten unser Verhaftungen sind. Der Clown spielt und jongliert mit der Welt der Dualität.

Kannst Du dafür ein Beispiel geben?

Ein Clown kann traurig und freudig zu gleicher Zeit sein. Er kann diese zwei gegensätzlichen Gefühle bis in ihr Extrem übertreiben und in einem Augenblick von der einen zur anderen Seite springen und wieder zurück. Es ist Spiel und gleichzeitig ganz real. Als Clown lernt man die Kunst, tief in wahre Gefühle hineinzutauchen, ohne mit ihnen verhaftet zu sein. Wir erfahren, dass Trauer und Freude nicht notwendigerweise Gegensätze sind - Traurigkeit ist eine Energie, die in Freude verwandelt werden kann. Beide Extreme sind weit davon entfernt, absolut zu sein. Sie sind ein Teil der gleichen Wahrheit, zwei Seiten einer Münze.

Dies kann uns zu der Erfahrung führen, dass wir nicht unsere Emotionen sind, dass wir sie auf die Weise handhaben können, wie wir wollen, ohne dabei ihr Opfer zu sein.

Wie kann sich das in der Clownerie ausdrücken?

In den Workshops rege ich die Teilnehmer an, sich auf ein Gefühl oder eine Situation zu konzentrieren, und dann den Fokus darauf zu halten. Dann bitte ich sie, ihre Imagination zu verwenden, um ein kontrastierendes Element oder Gefühl zu finden, so dass sie mit der inneren Spannung spielen können, die dies auslöst.

Zum Beispiel: Du stehst auf dem Boden in einer entspannten Position. Das ist eine Situation, nun bringst Du das andere Element herein: Du willst zu einem anderen Platz gehen, aber beide Füße sind auf dem Boden festgeklebt. Du kannst nun diese frei gewählte Beschränkung verwenden, um eine innere Spannung aufzubauen: „Ich will so gerne dorthin gehen, aber ich bin am Boden festgeklebt. Hilfe!“ Wenn Du Deine Fantasie und Imagination auf subtile Weise einsetzt, kann ein wunderbarer Auftritt - ein Clownakt - daraus werden.

Und es ist erstaunlich zu sehen, wie viele psychologische Barrieren und emotionelle Blockaden sich einfach im Geist des Spielens auflösen. Das ist nicht ein vorübergehendes Phänomen, sondern gestattet tiefgreifende Veränderungen in unserem Bewusstsein. Indem wir spielen, Clowns zu sein, können wir durch unsere physische Wirklichkeit und über den Verstand hinaus bis in das Herz reisen. Bis zur Ekstase, zur Kommunion mit dem heiligen Geist.

Was könnte noch bei dem Clownen erfahren und gelernt werden?

Begrenzung und Versagen können eine Quelle der Inspiration sein. Man ist z. B. sehr müde, fühlt sich nicht fähig, irgendetwas zu tun. Von diesem Punkt her fängt man an, man übertreibt vielleicht, dass man sehr müde ist und sich langweilt. Das fühlt sich normalerweise sehr gut an, denn Du bist dann in diesem Moment vollständig präsent. Und weil es sich gut anfühlt, kannst Du damit kreativ sein. Und nach einer Weile wird es Deine ganze Energie verändern.

Oder Du magst ein gebrochenes Bein haben und fühlst Dich begrenzt in Deinen Bewegungsmöglichkeiten. Du kannst es mit Fantasie als Basis für einen wunderbaren Clown-Auftritt nutzen. Wenn wir dort beginnen, wo wir sind und voll akzeptieren, was immer wir fühlen, wird es uns in den Fluss unserer Energie in diesem Moment führen und das ist’s, wo wir kreativ sein können. Wir sehen oft unsere Begrenzungen als das Hindernis, anstatt als ein Geschenk der Freiheit, etwas zu erschaffen. Clownen ist ein wunderbarer Weg, um das zu üben, denn als Clown hat man die Freiheit zu versagen und unvollkommen zu sein.

Es gibt nichts entspannenderes als die Erlaubnis zu versagen! Es hilft den Menschen, einen natürlichen Zustand des einfachen Seins einzunehmen und dann liegen Gelächter und Tränen nur um die Ecke.

Wie ist es mit den Tränen eines Clowns? Drückst Du sie auch aus?

Gelächter und Tränen sind zwei Teile eines Ganzen, yin-yang. Beide entstammen der tiefsten menschlichen Sehnsucht, wahrhaftig zu sein, rein und einfach. Der heilige Clown ist das Symbol für Gelächter und Tränen, er hat eine intensive Verbindung zu seiner eigenen Traurigkeit. Ich denke, es ist von ungeheurem Wert, dass es Clowns gibt, die uns offen zeigen, wie wir diese Gefühle kreativ anwenden können. Wirkliche Freude ist Trauer ohne Maske.

Alle Clowns spiegeln die Spiele, die wir im Leben spielen. Der heilige Clown trägt es noch einen Schritt weiter: er zeigt uns, wie wir über unsere Verstandes/Ego-Spiele hinausgehen können, um in die Welt des Mysteriums, der Freude und des Wunders einzusteigen.

Der Sinn für das Wunderbare scheint ein wesentlicher Teil des Tao des Clownens zu sein?

Der Clown ist andauernd involviert im Staunen über alles - etwa in einem Stuhl zu sitzen, fünf Finger zu haben, ein Häuflein Staub auf dem Boden. Das ganze Universum wird repräsentiert durch diesen kleinen Haufen, wenn wir das so wollen.

Im Akt des Staunens wird alles lebendig. Wie kleine Kinder kann ein Clown materielle Dinge wie lebendige Wesen betrachten. Sein Staunen kann ihn dazu führen, dass er mit einem Stein spricht, mit einem Baum tanzt, sich in einen Stuhl verliebt, Gefühle ohne Hemmungen ausdrückt.

Wie ist es mit der Farbe im Gesicht, der roten Nase etc.?

Sich anzumalen ist nicht essentiell. Ich habe gesehen, dass es am Anfang besser ist, wenn man die Menschen nicht sich besonders kleiden oder das Gesicht bemalen lässt, denn das kann leicht als Versteck benutzt werden. Erst müssen sie in Berührung mit dem heiligen Clown tief drinnen treten, bevor sie die rote Nase und den farbigen Anzug benutzen können, um ihren Auftritt zu unterstützen.

In einer späteren Phase erhält die Clown-Nase eine besondere Bedeutung. Indem man die Nase mit Bewusstheit aufsetzt, geschieht etwas. Sie bringt uns zurück in unsere Unschuld, ohne Respekt für Ego, Status und die selbstbewussten Bilder, die wir erzeugen. Ein Teilnehmer schrieb mir: „Dieser wunderbare kleine rote Ball auf meiner Nase machte die spitzen Seiten von mir rund und wendete all’ das nach innen, was sonst nach außen gewendet erschien.“

Was waren für Dich die wichtigsten Momente in Deiner Seminar-Clownsarbeit?

Zu sehen, wie die Menschen sich tief einlassen, um das Kind herauskommen zu lassen, wieder wirklich kreativ zu sein. Das ist jedes Mal ein ganz rührendes Erlebnis. Ich habe viel Freude schon allein deswegen. Die Auftritte selbst haben aber auch viele Höhepunkte, da ich ganz in der Gegenwart bleiben muss; ganz besonders die Programme für Erwachsene bieten eine große Herausforderung. Es hat damit zu tun, dass man in Meditation ist, reine Präsenz in dem Augenblick. Dies macht das Publikum sehr wach - und wenn das geschieht ist es ein wundervoller Moment.

Es gibt viel zu wenig schönen und spirituell erhebenden Humor in der Bewegung für Inneres Wachstum und Ganzheitliche Gesundheit. Jedermann/frau nimmt sich viel zu ernst; sie arbeiten nicht an sich, um diese Art kosmisches Kichern zu erfahren, in dem man die totale Absurdität seiner eigenen Befangenheit erkennen kann. (Ram Dass)